«Durchschnittlich sterben pro Woche 3000 Menschen an Aids»
Die Newlands Clinic in Harare hilft den "Ärmsten der Armen" unter den HIV-Infizierten, sagt Tarisai Zata. Geleitet wird die Newlands Clinic vom Schweizer Professor Ruedi Lüthy, der 2003 die Stiftung Swiss Aids Care International gründete und 2004 eine erste Klinik in Harare eröffnete. Tarisai Zata ist die designierte Nachfolgerin von Professor Lüthy.
Aus dem Interview:
Der Bund: Können Sie in Ihrer Klinik in Harare allen Menschen helfen, die um Hilfe nachsuchen?
Tarisai Zata: Leider nein. Mit der heutigen Infrastruktur können wir maximal 3000 Menschen betreuen.
Wie viele Menschen sind hospitalisiert?
Wir sind eine Poliklinik, wir betreuen nur ambulante Patienten. Aber wir arbeiten mit anderen Spitälern zusammen, wenn Patienten von uns hospitalisiert werden müssen. Zu uns kommen Menschen, die schon positiv getestet sind. Es gibt jetzt ein Programm, bei dem von allen schwangeren Frauen, die eine Klinik aufsuchen, verlangt wird, einen Aidstest zu machen. Das ist ein grosser Fortschritt, das gab es vor zehn Jahren noch nicht.
Wie wählen Sie die Leute aus, denen Sie helfen wollen?
Unsere Zielgruppe sind die Ärmsten der Armen, nicht die Leute, die sich eine Behandlung mit Medikamenten leisten können. Wir nehmen bevorzugt Mütter mit Kindern, Krankenschwestern, Pfleger, Lehrerinnen und Lehrer, Waisen und Kinder auf.
Wie beeinflusst die wirtschaftliche Krise Ihre Aktivitäten und die anderer Organisationen?
Die Situation hat sich etwas verändert. Seit es eine Koalitionsregierung gibt, erhält Zimbabwe wieder mehr internationale Hilfe. Die Anfragen lokaler Hilfsorganisationen an USAID oder Save the Children werden häufiger positiv beantwortet, weil diese Organisationen wissen, dass Empfänger in Zimbabwe keine Regierungsbürokraten sind, die das Geld selber einstecken. Mit etwas Glück können die Menschen von den Spitälern also wieder Hilfe bekommen, nicht unbedingt von einem Arzt, aber von einer Krankenschwester.
Gibt es also wieder genügend Medikamente?
Nein. Den meisten staatlichen Spitälern fehlen Medikamente. Zum Glück gibt es verschiedene Nichtregierungsorganisationen mit Aidsprogrammen, die uns unterstützen. HIV-positive Menschen können sich an diese Organisationen wenden, von denen die meisten vom Ausland finanziert werden. Kirchliche und andere Organisationen, die wissen, nach welchen Kriterien wir Patienten auswählen, überweisen uns jene Personen, die sonst nirgendwo Hilfe bekämen.
Kommt es vor, dass Sie eine Behandlung verweigern müssen, weil Aids schon zu weit fortgeschritten ist?
Wenn es zu spät ist, schauen wir, dass diese Kranken in einem Hospiz unterkommen, wo sie in Würde sterben können.
Wichtig ist ja, dass die Menschen mit Aids ihre Medikamente regelmässig nehmen. Wie gehen Sie da vor?
Für einen Patienten, den wir zum ersten Mal sehen, reservieren wir anderthalb Stunden. Wir wollen seine Geschichte, sein soziales und wirtschaftliches Umfeld kennen lernen. Wir verlangen von ihm auch, eine Vertrauensperson mitzubringen, jemanden, mit dem er lebt, dem er vertraut und der ihn anhält, die Medikamente regelmässig einzunehmen.
Machen die Pharma-Konzerne spezielle Preise für Ihre Klinik?
Ja, nur deshalb können wir Medikamente gratis abgeben. Unsere Patienten haben nichts, wir können von ihnen nichts verlangen.
Weil Zimbabwe in einer tiefen Krise steckt, haben viele qualifizierte Berufsleute das Land verlassen. Finden Sie noch genügend Personal für Ihre Klinik?
Ja. Professor Lüthy hat die Klinik mit 6 Personen gestartet, jetzt sind wir 44. Davon sind 17 Krankenschwestern und neben Herrn Lüthy 3 Ärzte aus Zimbabwe. Es sind die Krankenschwestern, die sich, natürlich im Kontakt mit den Ärzten, um die Patienten kümmern.
Verglichen mit den lokalen Verhältnissen sind die Krankenschwestern vermutlich relativ gut bezahlt.
Das ist so. Wir können die Leute aus Hunderten von Interessenten auswählen, weil unsere Arbeitsbedingungen sehr gut sind, weil zum Beispiel auch die Computer, die für die Krankheitsgeschichten wichtig sind, funktionieren.
Professor Lüthy ist die Garantie dafür, dass die Spenden für die Newlands Clinic nicht irgendwo verschwinden. Gibt es nicht Probleme, wenn er sich später zurückzieht?
Buchprüfer kontrollieren unsere Aus¬gaben sowohl lokal wie auch in der Schweiz, und die Stiftung Swiss Aids Care International in Zürich kontrolliert alle unsere Aktivitäten. Ein lokaler Stiftungsrat garantiert, dass die Spenden nicht veruntreut werden. Wir bekommen auch regelmässig Besuch aus Zürich. Es ist auch richtig, dass wir, die wir Spenden erhalten, uns über die richtige Verwendung ausweisen müssen.
Für Sie selber wird es eine grosse Herausforderung sein, Professor Lüthys Nachfolge anzutreten.
Sicher, deshalb planen wir die Nachfolge rechtzeitig. Herr Lüthy wird aber nicht von heute auf morgen aus Simbabwe verschwinden, sondern die Arbeit so lange wie möglich weiterführen. Er hat für die Klinik viele Opfer gebracht und ein angenehmes Leben in der Schweiz aufgegeben. Schon wegen seines Engagements muss die Klinik weitergeführt werden.
Ist es kein Problem, dass Sie, eine Frau, die Klinik führen werden?
Stimmt, wir sind eine Gesellschaft, die sich daran gewöhnen muss, dass Frauen Führungspositionen innehaben, aber Newlands Clinic wird nicht die erste sein, bei der eine Frau der Boss ist. Ich kann sagen, dass mich das Team in den anderthalb Jahren, seit ich dort bin, akzeptiert hat. (Der Bund 7.6.2010)
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