Patente können tödlich sein
HIV-positive Männer und Frauen dürfen nicht zum Sterben verurteilt sein, nur weil sie sich Medikamente nicht leisten können. Das meint Astrid Berner Rodoreda, Sprecherin der evang. Organisationen des deutschen Aktionsbündnisses gegen Aids und Mitarbeiterin bei Brot für die Welt, im Interview mit Birte Petersen für die Zeitschrift "auftrag" von mission 21.
Im deutschen „Aktionsbündnis gegen Aids" sind Sie unter anderem in der Lobbyarbeit in Bezug auf die Pharmaindustrie tätig. Um was geht es dabei?
Wir wollen die Pharmaindustrie dafür gewinnen, dass alle Betroffenen, die es brauchen, egal wo sie leben, Zugang zu einer bezahlbaren lebenslangen Behandlung bekommen. Inzwischen müssen viele Patienten und Patientinnen von den Aids-Medikamenten der so genannten ersten Therapielinie auf die zweite Therapielinie umsteigen, weil sich Resistenzen entwickelt haben. Diese neuen Medikamente der zweiten Therapielinie sind aber derzeit noch so teuer, dass nicht alle Menschen sie bekommen können, die sie brauchen. Wir setzen uns bei den Pharmaunternehmen dafür ein, dass diese Medikamente billiger werden, beziehungsweise dass Generikafirmen sie nachbauen dürfen. Es kann nicht sein, dass Menschen, die mit der Therapie begonnen haben und nun andere Medikamente brauchen, einfach zum Sterben verurteilt sind.
Im Dezember 2009 hat das „Aktionsbündnis gegen Aids" in Berlin 28.000 Karten der Unterschriften-Kampagne „Leben vor Pharmaprofit. Patente können tödlich sein" übergeben - und zwar an die Pharmakonzerne Abbott und Gilead sowie an den Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA), der auch die Firma Bristol-MeyerSquibb vertrat. Was ist Ihre Forderung an die drei Pharma-Unternehmen?
Wir wollen, dass die Unternehmen ihre in Indien gestellten Patentanträge auf neuere Aids-Medikamente zurückziehen. Denn die Patente würden verhindern, dass die neuen Medikamente von der Generika-Industrie in grossem Umfang produziert werden können und somit die Preise fallen. Indien gilt als „Apotheke der Armen", da die Medikamente dort um einiges billiger hergestellt werden und den globalen Süden mit versorgen.
Wie verlaufen Lobby-Gespräche bei den Pharma-Unternehmen, ob in Indien oder Deutschland? Gibt es gemeinsame Werte, an die Sie appellieren?
Es gibt bei den Unternehmen Menschen, denen die weltweite Versorgung mit bezahlbaren lebenswichtigen Medikamenten ein klares Ziel ist, für das sie sich auch stark machen - wie etwa der indische Cipla-Chef, der sich nicht scheut, auf Konfrontationskurs mit der „big pharma", also den großen Pharmakonzernen zu gehen. Andere indische Unternehmen wollen sich nicht gerne mit den grossen Konzernen anlegen und setzen eher auf Kooperation. Uns gegenüber waren sie aufgeschlossen, wobei man auch hier oft nicht an alle Informationen kommt, die einen als Zivilgesellschaft interessieren. Bei den Originalherstellern in Europa und Amerika ist das Interesse am Gespräch mit der Zivilgesellschaft vorhanden, was wir auch schätzen. Hier haben wir in den letzten Jahren gesehen, dass sich der eine oder andere Pharmakonzern bewegt und heute teilweise mit besseren Konzepten arbeitet als dies noch vor einigen Jahren der Fall war - der grosse Durchbruch bei der Patentfrage steht jedoch noch aus. Auch wollen die Unternehmen die Gespräche oftmals lieber hinter verschlossenen Türen abhalten und lassen sich nicht gerne in die Karten schauen. Sie fürchten offenbar, dass sie durch unsere öffentlichkeitswirksame Arbeit einen Imageschaden erleiden könnten und wissen oftmals nicht, wie wir als Nichtregierungsorgani-sationen einzuschätzen sind. Das wiederum ist unsere Power als Zivilgesellschaft, die wir nutzen können.
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