Gott, Aids und die Kirche
Armin Zimmermann hat eine christliche Sexualethik angesichts von HIV und Aids in Afrika entwickelt. Der Theologe erklärt, weshalb die Kirchen noch radikaler umdenken müssen.
Konfirmanden und Kondome
„Wir können doch mit unseren Konfirmanden nicht über Kondome sprechen!“, entrüstet sich einer meiner tansanischen Studenten an der Teofilo Kisanji Universität. „Können wir nicht? Müssen wir nicht sogar?“, frage ich zurück. „Denkst du nicht, dass wir als Kirche aufgerufen sind, den Menschen, mit denen wir zu tun haben, zu einem verantwortungsvollen Sexualverhalten zu raten? Oder möchtest du das lieber Regierungsbeamten, Lehrerinnen und Ärzten überlassen?“ Unter den Studierenden entbrennt eine lebhafte und bis zum Schluss kontroverse Diskussion darüber, wie sich die Institution Kirche am Kampf gegen HIV und Aids beteiligen soll, insbesondere an der Diskussion über eine angemessene Sexualethik. Das gemeinsame Gespräch ist notwendig und es ist gut, dass es vielerorts geführt wird. Aber es wird nicht nur geredet, sondern auch gehandelt. Dass es die Pflicht der Kirchen ist, ja, dass es zu ihrem ureigenen Wesen und zu ihrem göttlichen Auftrag gehört, sich im Kampf gegen HIV und Aids zu engagieren, ist mittlerweile mehr oder weniger allgemein anerkannt. Wie dieses Engagement jedoch im konkreten Fall aussehen soll, ist nach wie vor heftig umstritten.
Zweifelhafte Ratschläge
Um z.B. die Zahl der Neuinfektionen effektiv zu reduzieren, muss man wissen, dass HIV, insbesondere in Afrika, in erster Linie auf sexuellem Weg übertragen wird. Damit kommt dem Sexualverhalten und der Sexualethik eine entscheidende Rolle zu. Leider haben die Kirchen hier, ausser dem Standardrepertoire Enthaltsamkeit vor und Treue in der Ehe, in der Regel nicht viel zu sagen. Damit geht ihre Botschaft jedoch an den Lebensumständen und Lebensweisen eines Grossteils ihrer Mitglieder und der Gesamtbevölkerung vorbei. Eine christliche Sexualethik könnte Folgendes beinhalten: die Anerkennung von Sexualität als Geschenk Gottes, die weitgehende Vermeidung von käuflichem und Gelegenheitssex, die volle Gleichberechtigung von Männern und Frauen, die zentrale Bedeutung von Intimität und Liebe, sowie die Freiheit des oder der Einzelnen im Gegenüber zu gegenseitiger Verbindlichkeit und zu Verantwortung für uns und andere. Die gebotene Akzeptanz von Homosexualität und die Aufforderung zum Gebrauch von Kondomen sind weitere jedoch ausserordentlich kontroverse Aspekte, besonders in Afrika, aber beileibe nicht nur dort.
Auf die Männer kommt es an
Zugegeben, es ist ein schwieriges und langwieriges Unterfangen, Jahrtausende alte Verhaltensmuster zu ändern. Doch gibt es keine wirkliche Alternative dazu. Eine Schlüsselrolle fällt den Männern zu: Sie müssen ihr Sexualverhalten grundlegend ändern. Studien der letzten Jahre zur männlichen Sexualpraxis, gerade auch in Afrika, stimmen mich jedoch hoffnungsvoll. Auch mit den theologischen Fragen wird weiter gerungen. Wie steht es mit individueller Schuld im Zusammenhang mit HIV und Aids, zum Beispiel, wenn ich jemanden infiziert habe? Warum werden einige angesteckt, während andere unversehrt bleiben, obwohl sie sich gleich verhalten?
Weiteres zu der von Armin Zimmermann entwickelten Sexualethik kann in seinem Handbuch "The compassion of the Lord is for everybody: A Christian course on HIV/Aids" nachgelesen werden.